TEXTE

Kain und Abel
Galerie Forum Amalienpark
4. April – 8. Mai 2009

Anlässlich des 60. Geburtstages von Veronika Wagner zeigt die Galerie Forum Amalienpark Werke der aus dem Thüringischen stammenden und seit 1976 in Berlin lebenden Künstlerin. Wiewohl die Werkauswahl zeitlich bis 1994 zurückreicht, entstand das Gros der Exponate – Gemälde, Objekte und diverse Arbeiten auf Papier – erst in den letzten Jahren.

Veronika Wagners Kunst leistet einen irritierenden Spagat zwischen sozialer und ästhetischer Sensibilität. Einst politische Oppositionelle in der DDR, dann nach der Wende für kurze Zeit Sprecherin des neu organisierten Künstlerverbandes Freie Kunst – Berlin, entwickelte die Künstlerin ihr Werk allmählich zu einem Raum, in dem historische und aktuelle Kalamitäten weltpolitischer Größenordnung reflektiert werden. Es macht den doppelten Boden dieser meist subtilen Arbeiten aus, dass sie durchweg anmutig und ausgesprochen sinnlich daherkommen, zugleich jedoch von zutiefst sinistrem Gehalt sein können.

Sand, Teer, Pigmente und andere Materialien erzeugen eine Bildwelt, die Momente aus Graffitis und archäologischen Sedimenten verschmelzen. Zuweilen mutet die bildnerische Rhetorik recht explizit an, vermengt aus Zeitungen stammende Bildzitate mit Malerei. Andernorts muss man das emblematische Dickicht von Titel und Werk mühsam durchdringen, um die von Gewaltherrschaft, Fanatismus, Ungerechtigkeit, Manipulation oder Betrug handelnde Botschaft recht nachzuvollziehen.

Stellenweise bildnerische Abstraktion und eine stets satirische Grundhaltung sorgen für die nötige "epische" Distanz. Den thematischen Fokus der Ausstellung bildet ein Bild, das den mythisch tradierten Urmord skizzenhaft in die nahöstliche Kartografie des derzeit gefährlichsten Konflikts einwebt.

In einer dreiteiligen Folge der letzten Arbeiten widmet sich die Künstlerin der eigenen Biografie. Auch diese kleinformatigen Arbeiten, die Zeichnungen und alte Fotografien zu einem intimen Realismus verdichten, lassen den Betrachter aufgrund ihres Amalgams von Anmut, Virtuosität und Psychodrama ein Wechselbad der Gefühle durchlaufen.

Jenseits trivialer Muster thematisiert Veronika Wagner in ihrem Werk mithin ein Schlüsselproblem moderner Kunst: das Dilemma zwischen Kunstautonomie und Wirklichkeitsverpflichtung.

Matheos Pontikos

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Unterm Schleier
Galerie Mitte am neuen Ort mit der Malerin Veronika Wagner
Berliner Zeitung, 10./11.Juli 2004, Seite 29
von Ingeborg Ruthe

Wie mögen sie aussehen, die Frauen unter der Burka? Sind sie alt oder jung? Welchen Ausdruck haben ihre Gesichter, welche Farbe ihr Haar, welche Form ihre Lippen? Solche Fragen hat die Malerin förmlich mit hineingesetzt in die taktile Oberfläche ihres Bildes "Frauentag in Kabul", das die Antworten schuldig bleiben muss, weil die Gestalten den Schleier ja nicht abstreifen dürfen. Noch nicht. Immerhin deutet sich etwas an: Jede Burka ist leuchtend weiß, irgendwie festlich, nicht düster schwarz. Die Gestalten sitzen, wie es aussieht, im Parlament, es könnte auch ein Hörsaal sein, jedenfalls haben diese zwölf weiblichen Wesen unterm Schleier Platz genommen in einem öffentlichen, gesellschaftlichen Raum, sei es der Politik oder der Wissenschaft. Das Motiv erzählt von vager Veränderung im fernen Land, von Hoffnung, ganz anders als ein nächstes" Bild, das auf brauner, ausgetrockneter Erde 22 Gestalten unter der schwarzer Burka "Auf der Flucht" zeigt, gleich neben einem Gemälde mit träge fliehenden Schildkröten.

Veronika Wagner hat alle ihre neuen Bilder mit dem Ausstellungstitel "Kreatur" überschrieben. Sie zieht Vergleiche zwischen Mensch und Tier, Krieg und Frieden, Religion und Gesellschaft. Sie stellt Gegensätze wie Parallelen fest und setzt diese in knappen Zeichen auf ihre Collagen, Assemblagen und Mischtechniken. Die fast reliefhaften Bildoberflächen formt sie aus Mörtel, Teer, Erde, Wachs und Hanf, das erinnert an den französischen Maler Jean Fautrier und verrät die sinnliche Lust an archaischen Materialien.

Diese Ausstellung ist für Veronika Wagner gewissermaßen ein Heimspiel. In größeren Abständen zeigt die Berliner Malerin seit den späten siebziger Jahren in der Galerie Mitte, einem Kunstort mit wechselvoller Ostberliner Geschichte und rastloser Nachwendezeit, ihre Arbeiten, öfter umzuziehen ist wohl das Schicksal dieser beliebten kommunalen Galerie, deren Leiterin Gabriele Kukla Künstlern zu DDR-Zeiten couragiert ein Forum gab, deren Bildsprache schwerlich ins Ideologieraster der Funktionäre passte. Damals in der Reinhardtstraße endlich etabliert, hieß es Anfang der Neunziger in der Singerstraße wieder einmal neu anzufangen. Jetzt nun gab der Stadtbezirk die dortigen Räume auf und schickte seine langjährige Vorzeigegalerie mitten hinein in die Szene; Auguststraße 21 lautet die neue Adresse. Noch überwiegen hier die alles und nichts suchenden Touristen das bisherige, weit kontemplativer veranlagte Kunstpublikum.

Die Bilder der 55-Jährigen indes leisten den Spagat, sie ziehen an durch Farbkraft und sie verlangen Vertiefung durch geheimnisvolle, auch skurrile Form: Krähen spazieren mit krakelig gemalten Füßen und steifen Flügeln scheinbar orientierungslos über eine breite Bildwand auf den Betrachter zu. Ein prächtiger Stier bricht unter den Speerstößen des Toreros in einer Blutlache zusammen, quasi vor die Füße des Publikums, Schweine torkeln über die Bildfläche, Katzen jagen nach Mäusen. Die Sicht auf fremde Kulturen, Schmerz und Trauer werden ohne Rhetorisches und Theatralisches, eher mit einer Mischung aus Melancholie und Ironie veranschaulicht, soviel sagend wie: Leben ist endlich, die Dasein-formen sind ungerecht verteilt und der Mensch und die Natur leben in einem Verhältnis, das die Balance verliert. Künstler wie Veronika Wagner, die für die Begeisterung geschaffen sind, sind eben auch für das Bedrohliche empfänglich.

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Petra Hornung
Text zur Ausstellungseröffnung
Veronika Wagner, "Orte und Mauern"
6. September – 19. Oktober 2006
Remise Degewo, Berlin-Pankow

Lange Zeit wusste ich nicht, woher das kommt, dieses seltsame unwirkliche Gefühl, dass du hast, wenn sich eine Sehnsucht zu erfüllen scheint. Du hast das Gefühl, du bist da, wo du immer schon sein solltest: Angekommen für den Moment – zur Versenkung – absichtslos vorgesehen auf unbestimmte Dauer... und auf wundersame Weise ohne Scheu davor.
Das ist sicher kein wirklicher Ort auf dieser Welt – und auch kein erdachter.
Und doch. Er ist konkret und er ist gemacht.
Ein Kunstraum… mit Bildern von Veronika Wagner. Nirgends anders, als in Räumen oder Orten solch komprimierter Gestaltung und geistiger Feinheit, begreifst du so leicht und geradezu natürlich, wie eng alles miteinander verbunden ist.

Diese Verschwendung der Malerin an uns, hat ein Vorleben, mehrere. Sie, die Verschwendung nährt sich aus Erlebtem und Durchlebtem, Gesehenem und so Erfahrenem. Trumpft auf als Metapher mit sich durchkreuzenden, parallelen oder einsamen, aber wahren Bedeutungen, historischen Informationen, der Philosophie zugeneigten Botschaften, intimen Zeichen.
Eine Aufbereitung, die dir nie im Leben so begegnet, wenn du nicht selbst die Regie zu führen in der Lage bist. Zu gegenläufig sind die Eindrücke, zu vorsichtig die Hand, die sie einordnen will und könnte, im besten Falle. Und um so schöner, ein mit all den uns versagten Energien aufgeladenes Gebäude, oder, wenn man so will, eine Mauer durchlässig aber mit klarer Kontur, die uns schützt, ohne dass wir Hand anlegen müssen, vor den Einzelheiten, dem Stückwerk da draußen. Das ist eine Mauer nach meinem Sinn. Und immer, wenn ich diese Bilder um mich habe, fühle ich mich gestärkt und geschützt vor all den Irritationen der Gegenwart.

Orte und Mauern.
Drinnen die Orte und drumherum die Mauern, alte Wörter mit langer Tradition und semiotischer Anbindung. Schützen; bewahren; eingrenzen; ausschließen vor Angst oder auch aus Hochmut – um nichts abgeben zu wollen oder zu können oder damit kein Dieb sich dem Eigenem bemächtigen kann, was immer auch das Eigene zu sein vorgibt...

Die Bilder von Veronika Wagner haben und sie zielen auch auf keine festgeschriebene Mentalität. Ihr Missvergnügen am Deutschen, am national festgemachten Klischee schlechthin scheint auf. Ihre Bilder gehören Niemandem im Sinne postmoderner abendländischer Heimatlichkeit. Doch die gibt es ! Die denken in Nord-Südgefälle, arm-reich, Marke oder nicht? Die jämmerlichen Stellvertreter der missbrauchten Religionen und Philosophien.

Die Bilder von Veronika Wagner atmen wohl deshalb dieses "vertraute "Fremde, die Sehnsüchte ohne Alter, die Begierden und Hoffnungen und die Abgründe – auch die eigenen – wohlwissend dass jede Harmonie und jedes Glück zu aller Zeit und an jedem Ort die Gefährdung direkt an ihrer Seite hat.
Aber die Malerin dreht die Dinge einfach um, mit einem weisen, feingeistigen, listenreichen Kunstgriff. Sie feiert die zerfurchte, vernarbte, schrundige Patina all ihrer Botschaften als kostbaren Lebensbeweis, den sie so auf unbestimmte Zeit konserviert. "Was stirbt", sagt sie "hat zumindest gelebt."

Wie Heine in seiner Harzreise Mitte des 19. Jh., stellt sie Natur gegen Politur, nicht etwa Natur gegen Kultur:
    ...lebet wohl ihr glatten Säale,
      glatte Herren, glatte Frauen,
      auf die Berge will ich steigen,
      lachend auf euch nieder schauen.

Das ist keine Arroganz, das ist Abstand, Distanz, Entfernen, möglichst weit vom schönen Schein, der nur sich selbst bedeutet. Sie sucht die Orte auf, in denen Lebensspuren sind, die Leben sind. Sie fährt dorthin, sucht auf, was ihr als Bilder bereits im Kopf sind. Welches Glücksgefühl, das aber auch tatsächlich zu erleben: riechen, schmecken, anfassen, fühlen.
Marokko zum Beispiel. Das Morbide, Staub, Hitze und dann wieder das Aufglühen der reinen Farbe, das Färberviertel in Fez. Abstraktion und Einfühlung, so genau sieht das dort aus und bedeutet doch auch die ganze Welt, lässt sich lokalisieren und reizt zu völlig unabhängiger Deutung – und alles wäre wahr.
Die Dinge, die noch nicht überpoliert sind, kann sein aus Armut, und doch, sie tragen eben einen Reichtum von Sinnbildern in sich! Venedig – die Pracht des Untergangs.
Die Bilder, die dann im Atelier entstehen, haben keinen Plan. Sie müssen einfach gemalt werden. Aber die Gedanken, davor oder dabei, malen sich ein in die Struktur ihrer Malerei. Manchmal geraten sie in den Vordergrund, manchmal sind sie Gewissen, ein anderes Mal pars pro toto; Teil vom Ganzen.
Die "Luftbilder", Landschaften von oben, der Blick aus dem Flugzeug auf den vielen Reisen ins Ausland von Veronika Wagner. Pilotenblick. Von da aus kann auch gut geortet werden, wo genau- was- zu zerstören ist.
Das Objekt "first we take Manhatten, than we take Berlin" (Titel nach einem Song von Leonhard Cohen), dieses Manhattan, da ist die Angst der Welt konzentriert.
Asche, Innehalten, Schweigen; verloren und stehen gelassen. "Luftbilder I bis III", die sehen aus wie abgewrackte Industrien. Leuna von oben, vor oder nach dem Anschlag, mit Asche überzogen. Schaurig schön!
Wie dieses Berlinbild "Pariser Platz", das eine höchst eigenartige Gefühlslage
verursacht, nebulös. Eine märchenhaft verlassene Stimmung, deren Beschaffenheit wohl aus aggressivem Grunde herrührt. Irgendwas ist passiert. Aber ist das die Nachkriegszeit oder ist das heute? Dieser Zwiespalt liegt auf dem Bild und er legt sich auf unsere Seele. Die bunten Fetzen verbrannten Papiers haben so etwas kindlich heiteres, indes so eine Augenblicksbewegtheit, als bist du mittendrin und musst deine Augen schützen.
Die anderen Zerstörer sind die von "Kartenhäusern", – originale Fotografien aus Alben der dreißiger Jahre. Kraft durch Freude scheint auf. "Einstürzende Neubauten'', einstürzende Ideologien, die Systeme dieser Welt oder auch unser kleines Glück, wenn''s zusammenstürzt, stellen wir sie einfach wieder auf, wie die Kärtchen.
Gewinn oder Verlust, gut oder böse? Lächerlich oder bedeutend spielt dabei die Rolle nicht. Und letztlich ist von Belang, wie das aussieht, wie die Gesetze im Bild ihren
visuellen Zauber verstehen. Nur in Klänge übersetzt, in Farbe, Struktur, Komposition geht das zu Herzen.
"Nullung" wacht über allem, als Ur-Null, richtig Angst macht es nicht, aber als
Zeichen ist ihm auch nicht zu trauen. Die Irritation schwingt immer mit in Veronika Wagners Bildern. Oder ist das Ironie, die uns zuzeiten zusetzt? Das Schöne ist, dass wir die Klarheit im Bild annehmen dürfen, wie die Würde der Kreatur schlechthin. Des "Kaisers neuen Kleidern" haben sich ja nun wirklich genug Bühnen geöffnet.
Und auch den Wegweisern mit inhaltsschwerer Botschaft steht unser Sinn nicht offen.
Es genügt ja ein Innehalten, das Erstaunen über das Gewand schillernder
Gegenwehr, das die Künstlerin, wenn man so will als Mantel ausbreitet und zumindest das zu behüten in der Lage ist, was sich im Bilde versammelt.
Sie hat sich nie mit einer einmal gefundenen Kunstform in lebenslanger Manier
begnügt. Möglich wär''s schon gewesen. Sie zieht die Schinderei vor, jeden Tag
auf` s Neue und noch dazu freudig erregt.
Die Begegnung mit sich selbst: schmerzhaft, bitter-süß,…
Dem Fundus, der ihrer ist, kann sie trauen. Die Enthauptung, jedes Mal, wie sie sagt und die Prüfung von dem, was dir das wiederholte Entsetzen und die unerwartete Freude antun, ist letztlich die entscheidende Instanz. Das wird Form im Bild.
Und du bist mittendrin.
"Ich male nicht, ich mache" – sagt Veronika Wagner. Und damit meint sie ihre Arbeit. Und genau das bedeutet diesen Kampf und das letztendliche Einverständnis mit der Tragik von Vergänglichkeit. Wir hadern damit. Dieser Kampf ist so alt wie die archaische Anmut der Zeichen in ihren Bildern. Sie haben sich ihre Zeit für die Besinnung genommen.
Reliefbilder sind das, in denen sich gleichsam die Erinnerung unserer Urahnen findet, wie der eben erlebte Augenblick.
Ihre Strukturen und ihre Akteure verhalten sich in einer Gleichzeitigkeit zueinander, die geradezu natürlich erscheint.
Sie versinken mitunter ineinander, frei von allem und so gewappnet vor jedem Ungemach. In den unendlichen Malschichten können sie sich das ihre ohne Mühe bewahren.
Tief unten vom Malgrund her scheint deutlich Unterbewusstes auf, in einer Klarheit, die dazu verleitet, die Hoffnung daran zu setzen, die übrigen Schichten einfach abzutragen – Schritt für Schritt – und Schicht für Schicht. So wie die Archäologen das tun.

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Alpha – Omega
Christoph Tannert

Wenn man dieser Tage in Berlin-Prenzlauer Berg unterwegs ist, könnte man vom Fleck weg eine Zweiweltentheorie entwickeln, so unvermittelt treffen Gestern und Heute aufeinander. Gilt den einen die Sauberfassade als Ausweis des Fortschritts und fröhlicher Kontrast zum kommunal verwalteten Mangel, sehen die anderen darin das Musterbeispiel verdrängerischen Illusionismus. Wer die Bröckelfassade als stimmungsvolles Naturereignis entdeckt, dem muss das Glattgeputzte manchmal wie ein kultureller Kontinuitätsabbruch vorkommen. Bilder, die auf diese Wahrnehmungsweise reagieren, ja, die den Blick erst auf das Rissige und Sandige hinlenken, wollen Schutzmäntel sein gegen das Versanden von Erinnerung.

Im Werk von Veronika Wagner gibt es mehrere dieser Gedächtnisbilder, die mit ihren grindigen Oberflächen, schrundigen Lavalandschaften einen lebensweltlichen Bezug konservieren, der die Rezeptionsentscheidung des Betrachters geradezu über den Tastsinn lenkt. Die Gestaltung der Erinnerung wird hier als physische Erfahrung entwickelt. Wenn die Künstlerin Erde, Asche, Teer, Lehm, Mörtel, Gips, Sand und Bitumen über Leinwände und Papier streicht, macht sie damit erfahrbar, dass lebendiges Erinnern in erster Linie als Tätigsein praktisch wird. Handeln und gestalterische Fiktion bilden die Basis solchen kollektiven Gedächtnistrainings.
In Zeiten der Wiederkehr von "Ein bisschen Frieden" und den Flokati-Teppichen mit Fiesta und Trallala sucht die jüngste Malerinnen-Generation, bis auf wenige Ausnahmen, ihr Heil in den computerisierten Manipulationsmöglichkeiten. Über Fernseher und Monitore wird Licht in die Seelenkeller gebracht. Die ungefilterte Sinnlichkeit des Bildes, die Veronika Wagner kurzerhand auch mal über eine handvoll Schlamm stimuliert, ist das Gegenteil von Mediatisierung. Wahrheit kommt in diesem Fall ganz einfach und ungefiltert aus dem Teichgrund und nicht über die Benutzeroberfläche ins Bild. Die Lust der Jungen an der schmalzigen Oberfläche tarnt sich mit Ironie. Mal richtig "voll peinlich" sein, heißt das im Jugendsprech und meint die diebische Freude, den Modezwängen von Techno, Drum & Bass oder House samt dem sie begleitenden kulturideologischen Gedröhne zu entfliehen. Leider fehlt ihrer Sehnsuchtsebene mehr und mehr die sensorische Stimulation. Erst Jonathan Meese, John Bock und Rene Lück, denen es übrigens auch um die Bestimmung ihrer Erinnerung (etwa an das Westdeutschland der 70er Jahre) geht, haben die charakteristischen Kontexte sinnlicher Wahrnehmung erneut reanimiert, freilich auf dem Niveau unaufgeräumter Kinderzimmer.
Der Geist der dunklen, vom Grunde, also auch vom Grundsätzlichen ausgehenden Beschreibung und Bewusstwerdung eines Verlusts, wie das im Werk von Veronika Wagner der Fall ist, setzt andere Akzente. Er spricht über Momente, über Zeichen, über Bilder, in denen die Zeit angehalten wird, in denen Material und Form dafür sorgen, dass Vergangenheit und Gegenwart ineinandergepresst werden.

"Fassaden und Fossilien", eine Reihe von gut 20 Werken, die zwischen 1997 und 1998 entstanden, sind Fundstücksammlungen, Sozio-Batterien, Seins-Speicher und metaphorische Gedächtnismodelle in einem. Weil die Künstlerin bewusst "arme" Materialien verwendet hat, tritt der Aspekt der Vergänglichkeit um so deutlicher hervor. Den in der Techno-Gesellschaft empfundenen Verlust an Sinnlichkeit versucht sie auf diese Weise zu kompensieren und aus den abgeschlagenen, erbärmlichen, schmutzigen Dingen einen neuen Kosmos zu schaffen. Das, was abgebildet wird, ist nicht die heile, auch nicht die wiederhergestellte Fassade, sondern das durch die Zeitläufe aufgegrabene Fell der Jahre. Insofern handelt es sich um eine poetische Form der Konservierung und um einen mitteilsam aufklärerischen Standpunkt.

Es überrascht nicht, dass Veronika Wagner Erinnern und aktuelle Sinnproduktion auch über Bildtitel verstärkt, die die Beziehung zu Spiritualität und Transzendenz ohne Schwierigkeiten einsichtig macht. Seit gut acht Jahren weisen Materialbilder wie "Lots Weib" (1991), "Das Tuch" (1993), "Bethlehem" (1994), "Das Gewand" (1994), "Habakuk" (1994) und "Himmelfahrt" (1995) biblische Bezüge auf. Veronika Wagner hat eine höhere, umfassendere Vorstellung von Kunst, von dem, was Kunst sein sollte, was sie zu leisten hätte. Cezannes Satz von der Kunst als einer Harmonie parallel zur Natur findet im Werk von Veronika Wagner eine Bestätigung, wie sie unüblich in der Kunstproduktion der Gegenwart geworden ist. Kunst als Echo der Natur zu verstehen und die Bildsprachlichkeit an ethische Bedingungen zu knüpfen, das verlangt eine ästhetische Dimension, die in der Zeit der TV-gestützten Unverschämtheiten und Tabubrüche eine Minderheitenposition darstellt.
Veronika Wagners Bildkonzeption sind nicht gekettet an die Idee der Innovation, die um jeden Preis dem Neuen zu gefallen sucht. Sie verweist in einem spezifischen Sinn auf die Dimension der Zeit, indem das konkret Erscheinende über sich selbst hinausweist auf etwas anderes, auf ein Innewerden der Zeit. Vielleicht könnte man sogar von der Erfahrung eines Quentchens langer Weile und von transitorischen Momenten sprechen. Was nichts anderes heißt, als dass es in diesen Bildern z.B. auch um einen Zipfel Ewigkeit geht – vermessen zwischen den ersten Höhlenzeichnungen und einem vierteiligen "Teichufer"-Bild, das in Klingemühle b. Beeskow entstand, dort, wo das Jenseitige im Diesseitigen zu wurzeln sich anschickt, wo Ruhe und penetrante Lautlosigkeit die Empfindungskraft narren.

Veronika Wagners zentimeterdicken Bildbeschichtungen, in denen sie von der Abbildung von Natur immer mehr zu reiner Natur voranschreitet, ist in unserer superkonformistischen Mediengesellschaft der verkörperte Nonkonformismus, die leibhaftige Anarchie, wobei das körperliche und Leib-Bewusstsein sowohl den "politischen Körper" der 68er Zeit als auch den ökologisch codierten "Naturkörper" der 78er Generation miteinander verschwistert. Mit "Lots Weib" (1991) beginnt die Künstlerin den Wols-artig expressionistischen Grundton ihrer Bilder der 80er Jahre in Richtung eines naturfixierten, in Rot-, Schwarz- und Blau-Zonen gegliederten Schichtenaufbaus zu ändern. Bereits in "Explosion" und "Desert Storm" (beidel991), den wie in einem Ur-Trauma rotierenden Reflexen auf den Golf-Krieg der Amerikaner, hat das gestische Auftragen von Farbe eine verstörend spröde Dichte erreicht. In "Lots Weib" gibt es eine vom Blitz erhellte Geistererscheinung, die wie ein Tropfstein durch die Landschaft zu wachsen scheint, Stück für Stück – Wirklichkeit und Fiktion, verstrudelt im Zeichennuß.

Ihre verdeckten Botschaften, vergilbten Abbildungen im Hirn, trügerischen "Hieroglyphen", Legierungen aus Traum und Trauma legt die Künstlerin 1994 wie in einer archäologischen Ausgrabung frei. Das Abtragen diverser Oberflächen des Sagbaren, das Herunterziehen von Zeiten-Schutt befördert den Betrachter in Richtung des Unvermuteten.
Die Kirchen scheinen gottverlassen, die Sinnarmut der Postmoderne entwickelt ein "falsches Gedächtnis". "Zweitausend-Jahre-Blick" nannten Soldaten im Zweiten Weltkrieg das betäubte Starren jener Kämpfer, die dem Schusshagel an der Front nicht mehr gewachsen waren: Die Ereignisse dringen zwar noch in ihr Bewusstsein, doch werden sie wie von einem gänzlich Unbeteiligten wahrgenommen und in einigen Fällen sofort wieder verdrängt.

Auch in Bezug auf den Aspekt der Entmaterialisierung der Gegenstandswelt kann sich Veronika Wagner auf Cezanne berufen, selbst wenn ihr künstlerisches Gestaltungsverfahren mit dem des Altmeisters nicht viel gemein hat. Unterwegs zu sein in Richtung des Absoluten und der "inneren Notwendigkeit", von der Kandinsky spricht, das treibt auch Veronika Wagner an. Freilich nicht ohne "Machtanalyse" und Kenntnis der aktuellen Körperpolitik-Debatten.

Ihre "Alpha-Omega"-Folge (1998) hält (abstrahiert von der symbolischen Selbstbezeichnung Gottes als auch Christi) den Gedanken an den Kreislauf von Leben und Sterben fest.
Unser Leben ist vom Sterben nicht nur an seinem fernen Rande begrenzt, sondern ist bis in jede Stunde hinein vom Tod geprägt als ein Leben im Abschiednehmen, Verlieren und Vergessen. Nichts scheint ewig zu sein, als nur das ewige Verlassen und Vergehen. Das Leben, das wir führen, ist ein Sein zum Tode. "Zeit" und "Vergänglichkeit" wurden in den Religionen der Völker als ewige, göttliche und dämonische Wesen zugleich verehrt. Wenn wir noch heute sagen. "Die Zeit frisst", "die Zeit nagt", "sie fließt dahin" oder "reißt davon", so verstehen wir sie eigentlich immer noch dämonisch. Für die Griechen war die Zeit der Gott Kronos, der ständig alle seine eigenen Kinder wieder verschlingt. In mythischen Erzählungen und kultischen Feiern haben Menschen darum wieder und wieder versucht, sich einen begrenzten Lebensraum zu sichern und Dämme zu bauen gegen den rätselhaft-dämonischen Fluss der Vergänglichkeit.

Veronika Wagners "Alpha II-VIII"-Collage von 1998 als auch das im gleichen Jahr entstandene Bild "Alpha-Omega" begleiten den "ewigen Kreislauf, in dem alle Materie sich bewegt, scheinbar fraglos. Wie insulare Einsprengsel tauchen Embryonen in dieser Ur-Suppe auf... und strudeln weiter. Gäbe es in den Collagen nicht Text-Ausrisse, die unter mehreren Lagen durchscheinenden Papiers von Schwangerschaft und beispielsweise der Werbung von Söldnern für das preußische Heer sprechen. Plötzlich kommt Sand ins Getriebe, weil es nun nicht mehr um ein Schicksal, in das Frau sich fügt, geht, sondern um Selbstbestimmung mit der sie dem Strom des Vergehens trotzt!
Bereits in der altarähnlichen Anordnung von zwölf Objektkästen unter dem Titel "Apostel" (1994) hinterfragte Veronika Wagner, auf welche Weise das Eigentum am Körper geschlechtsspezifisch geregelt ist. Freuds Diktum "Anatomie ist Schicksal" gilt nicht mehr. Eines der Segmente, das des Verräters Judas, bleibt verbreitert. Die patriarchale Ideologie hat sich an dieser Stelle sozusagen selbst "minimalisiert". Zweitens: Die Apostel treten nicht in der traditionellen skulpturalen Form samt Attributen in Erscheinung, sondern in Gestalt unspezifisch geformter, locker hängender, weißer Säuglingshemdchen. Was nur heißen kann: Männliche Definitionsmacht verliert ihre Fassung. Hier wird kapituliert. Der endlich logische Schluss: Im Zentrum des in Kreuzform angelegten Werkes schweigt ein Schafsschädel mit Stacheldrahtkrone. Es erübrigt sich, Macht zu üben. Für die Verteiler von Macht und Ohnmacht gibt es nichts mehr zu lachen.

Die jüngsten Arbeiten von Veronika Wagner, ausgehend von der noch im Detail geheimnisvollen Erderkundung "Muro" (1998) bis zu den Ritzungen und Ornamente einbettenden Bildern "Arabesk", "Zeichen in Blau", "Whisky marocaine", "Alphabet - instrumental" und "Alphabet - anthropologisch" (alle 1999), bündeln die Erfahrung der Stille (des schweigenden Innehaltens?) mit einer Bild-Sprache, in welcher die stummen, verkarsteten Dinge und Landschaften sich auf eine im Werk der Künstlerin bisher ungehörte/ungesehene Art und Weise zu artikulieren beginnen. Das Radebrechen in Zeichen und Kürzeln hat eine Konsequenz, die aus ihrer Künstlichkeit kommt. Auf das Spannungsdreieck "Total risk, freedom, discipline" orientiert, hat die Künstlerin Eva Hesse 1969 einmal das permanente Wagnis der Abstraktion zu beschreiben versucht. Stärker als bisher nimmt Veronika Wagner diese Herausforderung an, indem sie dem Instant-Mystizismus von der "reinen Form" ihren Archaismus entgegensetzt – gegen den Kreisschluss der Zeit und über die Risse hinweg, die durch Welt, Epoche und Kulturen gehen.

Christoph Tannert, Juli 1999

 
 
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